Die Besucherplätze im Rathaussaal in Königslutter waren zu Beginn der Stadtratssitzung am Donnerstag, den 12. März, fast komplett besetzt. Die Entscheidung zur Entwicklung des Industrie- und Gewerbegebiets am Autobahnkreuz der A2/A39 erregte die Gemüter der Menschen aus Scheppau, die in der Nähe des geplanten Gebietes wohnen würden.
Besonders schlug sich die Anwesenheit der Bürger in der Einwohnerfragestunde nieder. Die Gäste nutzten die Einwohnerfragestunde intensiv, fast eine dreiviertel Stunde stellten sie fragen. Mitunter interessierte die Einwohner, wie die Stadt die Infrastruktur vor Ort anpassen würde und welche Auswirkungen das Gewerbegebiet auf die Natur und ihr alltägliches Leben haben würde.
Gewerbegebiet als wirtschaftliche Hoffnung der Stadt
Im Süd-Osten des Autobahnkreuzes der A2 und A39 und nahe dem Ort Scheppau will die Stadt Königslutter ein Industrie- und Gewerbegebiet erschließen. In der Machbarkeitsstudie von 2024 waren von 130 Hektar die Rede, in der Sitzung des Stadtrats noch von etwas über 80.
Interesse daran hat nicht nur die Stadt, sondern auch die Wirtschaftsregionen des Landkreises Helmstedt, Wolfenbüttel und der beiden Großstädte Braunschweig und Wolfsburg. Dort könnten laut Prokurist der Wirtschaftsregion Helmstedt, Christian Burgart, Firmen aus den Großstädten Platz in der Nähe des Heimatstandorts für eine Expansion finden. Zudem hätte man auch noch zusätzliche Standbeine als den schwächelnden Automobilhersteller VW.
Die Stadt Königslutter erhofft sich durch die Flächen mehr Einnahmen über Gewerbesteuern. Denn die wirtschaftliche Lage der Stadt sei eine der schlechtesten im Landkreis, betonte Marc Schneider, Vorsitzender der CDU/FDP/UWG-Gruppe.
Ohne neue Einnahmequellen könnte sich die Stadt bald kein Ducksteinfest, Freibad oder Unterstützung für Vereine mehr leisten. Momentan habe man noch die Möglichkeit, in so ein Gebiet zu investieren. Die Chance auf ein Gewerbegebiet in der Größe in der Lage gebe es nicht oft, zudem seien Bedarfe da.
Noch keine konkreten Pläne von Firmen
Wer genau sich schon für das Gewerbegebiet angemeldet hatte, konnte der Prokurist der Wirtschaftsregion nicht sagen. Da erst in der Sitzung darüber entschieden wurde, ob eine stadteigene Firma gegründet wird, die sich um die Planung kümmert, gab es noch keine festen Zusagen von Betrieben.
Abgesehen davon gab es Kritik an der Verkehrsplanung der Machbarkeitsstudie. Bis zu 8.000 zusätzliche Fahrzeuge soll Scheppau demnach vertragen. Und das zusätzlich zu dem stellenweise erhöhten Verkehrsaufkommen, wenn es sich auf den Autobahnen staut.
Dann sei Scheppau laut mehreren Einwohnenden vor Ort sowieso schon ein „Flaschenhals“. Mit einem großen Gewerbegebiet würde die Ortsdurchfahrt zu einer dauerhaft viel befahrenen Straße. Der Kritik der fehlenden Verkehrsplanung schloss sich die SPD-Fraktion an.
Naturschutz bereitet Bedenken aus der Bevölkerung
Eine Umfahrung für den Ort ist kurzfristig zumindest nicht geplant, wie Burgart berichtete. Selbst, wenn sie geplant wäre, würde er sie wahrscheinlich nicht mehr erleben.
Andere sorgten sich darum, dass die Flächen, die momentan landwirtschaftlich genutzt werden, mit einem Industriegebiet versiegelt werden.
Auf den Punkt der schützenswerten Natur machte auch der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ronald Handschuch, aufmerksam. Bei der Entscheidung um ein neues Industrie- und Gewerbegebiet ginge es unter anderem um die Entscheidung „Natur gegen Beton“. Auch wenn direkt am Autobahnkreuz der A39 und A2 wegen des Lärms niemand wohnen wolle, gebe es „Viecher, die sich dort wohlfühlen“ und Natur, die geschützt werden müsse.
Konkurrenz mit Gewerbegebiet in Ochsendorf
Außerdem kritisierte der Grünenpolitiker, dass die Kosten für neue Infrastruktur hoch sei, die dort neu errichtet werden müsse. „Wann da der Break-Even-Punkt kommt, weiß man nicht“, sagte Handschuch. Er wies außerdem darauf hin, dass das Gebiet in der Nähe vom Gewerbegebiet bei Ochsendorf ist, das mit 68 Hektar eine annähernd ähnliche Größe aufweise.
„Die beiden Gebiete würden sich schon stören“, betonte er bezogen auf eine Aussage des Bürgermeisters Alexander Hoppe (SPD) früher in der Sitzung, dass sich die beiden Gewerbegebiete nicht kannibalisieren würden.
Am Ende entschied der Stadtrat mit 20 Stimmen dafür, gemeinsam mit dem Landkreis die Entwicklung des „Industrie- und Gewerbegebiets A2/39“ weiterzuverfolgen. Für sie wog die Hoffnung schwerer, in Zukunft zahlungs- und damit handlungsfähig zu bleiben.
Beitragsbild: Die Zuschauerränge des Ratssaals waren fast voll besetzt. Foto: Sophie Weinmann
